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Buchbesprechung von K-H. Tjaden* / K.-R.Fabig**

Kategorie: Hamburg Veröffentlicht: Dienstag, 26. Juli 2005
Sperling, Urte/Tjaden-Steinhauer, Margarete, Hrg., Gesellschaft von Tikal bis irgendwo, Europäische Gewaltherrschaft, gesellschaftliche Umbrüche, Ungleichheitsgesellschaften neben der Spur.


Mit Beitr. v. R. Czeskleba-Dupont, K.-R. Fabig, L. Lambrecht, T. Mies, B. Reef, U. Sperling, K. H. Tjaden, M. Tjaden-Steinhauer.
Verlag Winfried Jenior, Kassel 2004 (Studien zu Subsistenz, Familie, Politik, Bd. 3), 359 S., gebunden, 20,- Euro


 
Der Haupttitel des Sammelbands, der von acht kritischen Wissenschaftlern/-innen verschiedener Fachrichtungen erarbeitet wurde, lässt an ein Werk denken, das nur von altamerikanischen Hochkulturen handelt - Tikal war ein glänzendes Herrschaftszentrum der alten Maya, das gegen Ende des ersten Jahrtausends u. Z. unterging. Das wirkliche Themenspektrum wird im Untertitel angedeutet: Es geht um die Entstehung, die geschichtliche Entwicklung und um gegenwärtige Formen einer „europäischer Gewaltherrschaft", wie sie sich seit der Antike im äußersten Westen Eurasiens entwickelt und heute nahezu „globalisiert" hat. Dieser weltgeschichtliche Entwicklungsstrang  steht im Gegensatz zu vorangehenden „Urgesellschaften" und zu noch älteren frühgeschichtlichen Gesellschaften, aber auch zu bestimmten außereuropäischen Kulturen. Er hat seit den alten Griechen und Römern auf einer spezifischen  materiell-technischen Basis allmählich zu besonderen Gewaltverhältnissen und zu einer Anhäufung von Machtmitteln geführt. Die fragilen vorkolumbischen Kulturen Altamerikas, „Gesellschaften neben dieser Spur", entbehrten der wichtigsten dieser Machtmittel und konnten den Europäern nicht standhalten. Hierauf hatte übrigens schon Friedrich Engels hingewiesen. 


 
Die bürgerliche Gesellschaft und kapitalistische Wirtschaftsweise, die der Eroberung Amerikas starke Antriebskräfte verdankten, werden hinsichtlich der Gewaltsamkeit der hier herrschenden Verhältnisse in mehreren Beiträgen beleuchtet. Dabei werden in zwei Abhandlungen gesellschaftliche Beziehungen zur menschlichen und zur außermenschlichen Natur in den Vordergrund gerückt. Dies einerseits in dem Beitrag über gesellschaftliche Gewalt gegenüber Frauen, der nicht nur von familial-patriarchaler und von kirchlich-staatlicher Bevormundung handelt, sondern auch von den modernen ökonomisch-medizinischen Zugriffen auf das generative Körpervermögen der Frau; andererseits in dem Beitrag über die historisch-geographischen Machtgrundlagen des US-amerikanischen Imperialismus, dessen Entstehungsgeschichte nicht nur durch das Drängen auf Absatzmärkte, sondern wesentlich auch durch den sich steigernden Zugriff auf natürliche Ressourcen und Potentiale auf dem gesamten amerikanischen Kontinent gekennzeichnet war. 


 
Ein wirklich materialistischer Blick auf die stumme Gewalt, die Menschen in der modernen kapitalistischen Produktionsweise angetan wird, gelingt auch im Beitrag über Wechselbeziehungen zwischen genetisch bedingter körperlicher Verfassung der Menschen und den mehr oder minder giftigen Fremdstoffen, denen sie in der industriell geprägten Umwelt ausgesetzt sind.

Dass die modernen bürgerlichen Gewaltverhältnisse wesentlich ökonomisch geprägt sind, versteht sich zwar für alle Autorinnen und Autoren von selbst, wird aber im Beitrag über die neoliberalistisch geprägte Destruktion des Sozialstaats zwecks Erhöhung der Ausbeutungsrate noch einmal sehr differenziert aufgewiesen.

In einer langen Einleitung zum Band bemühen sich die Herausgeber/innen der Reihe „Studien zu Subsistenz, Familie, Politik" um einen Begriff geschichtlichen Fortschritts, der von dem, was man heute oft Fortschrittsgläubigkeit nennt, frei ist. In einer ebenfalls umfänglichen Schlussbetrachtung geht es ihnen um die Frage, was uns die Begriffe „Reform" und „Revolution" heute noch bedeuten könnten, wobei sie auch zu einer differenziert-kritischen Würdigung der untergegangenen staatssozialistischen Gesellschaften in Europa ansetzen.

 
 * Karl-Herman Tjaden ist Prof. der Soziologie in Kassel
** Karl-Rainer Fabig ist niedergelassener Arzt in Hamburg
(Karl –Rainer, Fabig, der uns den Beitrag  kürzlich übermittelt hat, ist leider Ende Mai d.J.verstorben)